„Eine Oper entsteht“ – Werkgeschichte von Flotows „Martha“
Handlungsabriss (1.–6. Bild)
Werk- und Aufführungsdaten / Besetzung der Eutiner Sommerspiele 1963
Informationen
Titel: Martha, oder Der Markt zu Richmond (Originaltitel: Martha oder Der Markt zu Richmond)
Komponist: Friedrich von Flotow (1812–1883)
Libretto: Friedrich Wilhelm Riese (unter dem Pseudonym W. Friedrich)
Vorlage: Ballett Lady Henriette ou La Servante de Greenwich (1844) von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges
Genre: Romantisch-komische Oper in vier Akten
Uraufführung: 25. November 1847 im Theater am Kärntnertor in Wien
Ort/Zeit der Handlung: Richmond, England, zur Regierungszeit von Königin Anne (Anfang 18. Jahrhundert)
Martha – Eutiner Sommerspiele 1963
Eine Oper entsteht – Zur Aufführung der Oper „Martha“
Als das Urbild von Flotows „Martha“ darf ein französisches „Ballett des Chambrieres à louer“, das aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammt, angesehen werden. Der gleiche Stoff wurde am 21. Februar 1844 unter dem Titel „Lady Harriet ou la servante de Greenwich“ in Paris nochmals in Szene gesetzt.
Zu diesem Ballett, das die unmittelbare Quelle der Oper wurde, hat Flotow die Musik des ersten Aktes geschrieben. Wie er dazu kam, schildert er selbst in seinen „Erinnerungen“:
„Eines Tages ließ mich mein Freund Saint-Georges zu sich rufen. ‚Wollen Sie‘, so empfing er mich, ‚einen Ballettakt für die Große Oper komponieren?‘ Der Direktor muss sich drei Komponisten wählen. Zwei davon sind bereits designiert, als dritten habe ich Sie vorgeschlagen. Sie sind angenommen, wenn Sie sich verpflichten wollen, binnen vier Wochen fertig zu sein. Ich nahm alles an, erhielt den ersten Akt, eilte überglücklich nach Hause und brachte meine Arbeit zur bestimmten Zeit zustande.“
Saint-Georges erzählte mir später, dass der Direktor der Großen Oper laut Kontrakt jährlich ein Ballett in drei Akten geben müsse. Seine erste Tänzerin, die bald darauf berühmt gewordene Adèle Dumilâtre, ein sehr schönes Mädchen, schien ihm nicht talentvoll genug, um mit ihr die ungeheuren Kosten eines neuen Balletts zu riskieren. Da erschien ein Herr beim Direktor und proponierte ihm 100 000 fr., wenn er in kürzester Zeit ein neues Ballett für Fr. Dumilâtre in Szene setzen wolle. Der Vorschlag wurde angenommen, und daher die Eile, die drei Komponisten und die Möglichkeit meines Freundes Saint-Georges, mich unter den dreien einzuschieben.
Seltsamerweise entstand wie seinerzeit das Ballett auch die Oper auf bestimmten Auftrag. Flotow sollte eigens für das Kärntnertheater eine neue Oper schreiben. Er entschloss sich für die „Martha“, die er in Wutzig, Teutendorf und Wien komponierte. In Wien erst legte er die letzte Hand an das Werk. Auch auf die Gestaltung des Textbuches, die Entwicklung der Handlung, hatte Flotow starken Einfluss gehabt, ohne dem Dichter das Verdienst seiner Arbeit, das er vor allem im rhythmischen Aufbau der Verse erblickte, beeinträchtigen zu wollen.
Dieser Artikel wurde einem Aufsatz von Georg Richard Kruse über „Martha“ entnommen.
Martha – Inhalt (1.–6. Bild)
1. Bild
Lady Harriet, des Hoflebens überdrüssig, klagt ihrer Freundin Nancy ihre Langeweile. Die heitere Nancy rät zu einem Liebesabenteuer. An ihrem geckenhaften Vetter, Lord Tristan, der sie umwirbt, lässt Harriet ihre üble Laune aus, bis sie durch den fröhlichen Gesang der zu Markte ziehenden Mägde auf den Gedanken kommt, sich unerkannt unter die Menge zu mischen. Harriet und Nancy verkleiden sich als Mägde, um sich das Treiben auf dem Markt anzusehen.
2. Bild
Auf dem Mägdemarkt zu Richmond herrscht lebhaftes Treiben. Der reiche Pächter Plumkett erscheint mit seinem Pflegebruder Lyonel. Lyonel erzählt von einem von seinem Vater stammenden Ring; wenn er sich in Not befinde, würde er ihm, in die Hände der Königin gegeben, jede Hilfe bringen.
Der Marktrichter verkündet die Vermietung der Mägde, zu der Lady Harriet, Lord Tristan und Nancy in ihrer Verkleidung erscheinen. Die beiden angeblichen Mägde erregen die Aufmerksamkeit Plumketts und Lyonels und werden von ihnen durch ein Handgeld gedungen. Zuerst nehmen beide dies alles nicht ernst, müssen aber sehr bald erfahren, dass sie durch die Annahme des Handgeldes sich verpflichtet haben, ein Jahr als Mägde zu dienen.
3. Bild
Die beiden Mägde, die sich Martha und Julia nennen, werden in Plumketts Haus geführt. Als sie ihre Fähigkeiten beweisen sollen, versagen sie gänzlich und werden schließlich von den Männern im Spinnen unterwiesen. Nancy läuft bald davon. Plumkett folgt ihr.
Martha singt auf Lyonels Bitten ein Volkslied von der „Letzten Rose“. Er gesteht ihr seine Liebe und bittet um ihre Hand. Martha ist zwar von seiner Zuneigung gerührt, weist ihn aber spottend ab.
Sobald es im Hause dunkel geworden ist, entschließen sich Nancy und Harriet zur Flucht; Lord Tristan, der sie aufgespürt hat, kommt ihnen bei ihrem Vorhaben zu Hilfe.
4. Bild
Plumkett sitzt mit Landleuten in einer Schenke. Sie wollen der Jagd der Königin zusehen. Zu seinem Erstaunen erkennt Plumkett in Nancy, die mit anderen Hofdamen auftritt, seine entlaufene Magd. Er will seine Rechte geltend machen, wird aber von den Jägern und Jägerinnen vertrieben.
5. Bild
Der schwermütig gewordene Lyonel trauert seiner Martha nach. Auch sie befindet sich in einem inneren Zwiespalt, als sie Lyonel begegnet. Froh sie wiederzusehen, will er sie nicht gehen lassen. Abermals abgewiesen, wird er verhaftet, gibt aber vorher noch Plumkett seinen Ring mit der Bitte, diesen der Königin zu überreichen.
6. Bild
Plumkett erfüllt diese Bitte, und es stellt sich heraus, dass Lyonel der Sohn des unschuldig verbannten Grafen Derby ist. Reuigen Herzens sucht Lady Harriet Lyonel auf, um ihn durch das Geständnis ihrer Liebe von seiner Schwermut zu heilen.
Lyonel jedoch bezichtigt sie der Falschheit und weist sie von sich.
Verzweifelt will sie nun einen letzten Versuch wagen und fasst einen Plan, bei dem ihr Plumkett und Nancy, die sich inzwischen gefunden haben, ihre Hilfe anbieten.
Es wird ein Markt in Szene gesetzt, um Lyonel mit Lady Harriet durch die Erinnerung an ihre erste Begegnung auszusöhnen. Lady Harriet und Nancy erscheinen wieder als Mägde verkleidet, und Plumkett, der den trübsinnigen Lyonel herbeiführt, wählt wieder unter den Mägden.
Auf seine Frage, was sie können, wendet sich Lady Harriet mit den Worten „Ich kann entsagen dem Glanz und Schimmer“ zu Lyonel, der – wie aus einem schweren Traum erwacht – versöhnt und glücklich ist.
Eutiner Sommerspiele 1963 – Besetzung und Angaben zur Aufführung MARTHA
MARTHA
Oper in vier Akten (6 Bildern)
von Friedrich von Flotow
Musikalische Leitung: Erwin Jamrosy
Inszenierung: Kurt Brinck
Bühnenbild: Edgar Ruth
Chöre: Fritz Arndt
Personen und Besetzung
Lady Harriet Durham, Ehrenfräulein der Königin – Eva Kasper
Nancy, ihre Vertraute – Ursula Gust
Lord Tristan Mickleford, ihr Vetter – Hans Sotin
Lyonel – Veijo Varpio
Plumkett, ein reicher Pächter – Dr. Helmut Ibler
Der Richter zu Richmond – Hans Joachim Zimmermann
Drei Mägde – Elisabeth Liebchen, Luise Kronberger, Senta Thomé
Drei Diener der Lady – Egbert Grundschock, Peter Christoph Heil, Gerhard Klatt
Zwei Pächter – Gotthardt Hoppe, Robert Addicks
Weitere Mitwirkende:
Pächter – Mägde – Knechte
Jäger, Jägerinnen im Gefolge der Königin – Diener
Ort der Handlung:
Teils auf dem Schlosse der Lady, teils zu Richmond und dessen Umgebung
Zeit:
Regierung der Königin Anna
Orchester:
Hamburger Symphoniker (Vereinigte Hamburger Orchester)
Chor:
Chor der „Eutiner Sommerspiele“
Korrepetition: Laszlo Szelényi
Beleuchtung: Walter Hasselmann
Masken: Lothar Noack / Ursula Liessmann
Inspizient: Hans Basseng
Pause nach dem 3. Bild
Hinweis zum historischen Kontext:
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Eutiner Festspiele, Juni 2025