1. Alfred Einstein: Webers „Freischütz“, eine deutsche „Romantische Oper“
2. Der Freischütz – Inhaltsangabe
3. Eutiner Sommerspiele 1963 – Besetzung & Produktionsdaten
Alfred Einstein: Webers „Freischütz“, eine deutsche „Romantische Oper“
Im Mai 1820 vollendete Weber eine deutsche „Romantische Oper“ in drei Aufzügen, die Epoche machen sollte, „Der Freischütz“. Er hatte mehr als drei Jahre lang daran komponiert: eine lange Zeit, auch wenn man die Lasten seines Dienstes und die mancherlei großen und kleinen Werke in Betrachtung zieht, die nebenher entstanden. Rossini brauchte, zur selben Zeit, zu keiner seiner Opern mehr als eine kleine Reihe von Wochen. Es ist einer der Beweise für den Ernst, den man jetzt an eine deutsche Oper zu wenden hatte.
Und die erste Aufführung, am 18. Juni 1821 in Berlin, wurde sogleich als ein Ereignis von nationaler Bedeutung erkannt und gefeiert. Das lag nicht daran, daß das der Jahrestag der Schlacht bei Belle-Alliance war, und es lag auch nicht ganz daran, daß der Erfolg einer deutschen Oper als ein lokaler Schlag gegen den damals in Berlin von vielen gehaßten Spontini und als ein Schlag gegen die italienische Oper im allgemeinen aufgefaßt wurde, sondern es lag an der Eigenart von Webers Musik.
Man hätte schon fünf Jahre früher Gelegenheit gehabt zu einer nationalen Erhebung auf dem Feld der Oper, als im selben Berlin E. T. A. Hoffmanns „Undine“ aufgeführt wurde, eine „romantische Oper“ ganz gleichen Charakters wie der „Freischütz“, die man als „Bindeglied zwischen Zauberflöte und Freischütz" bezeichnet hat... Weber hat, nebenbei, das Werk genau gekannt und es bezeichnet „als eines der geistvollsten Werke, die uns die neuere Zeit geschenkt hat“ – er fand in ihm nicht bloß ein allgemeines Vorbild für seinen „Freischütz“, sondern auch schon einzelne Züge, etwa eine Arie Undinens (Akt II, 10) im Polonaisenrhythmus.
Nochmals: es liegt an Webers stärkerer, eigentümlicher musikalischer Begabung, an seinem Blick fürs Theatralische, an der Kürze und Konzentriertheit aller Stücke, und endlich vielleicht an jenen geheimnisvollen Imponderabilien, die an jedem persönlichen Werk haften, daß nicht Hoffmanns „Undine“ oder Spohrs „Faust“ Epoche machten, sondern Webers „Freischütz“.
Man hat ihn „die deutscheste aller Opern“ genannt, aber deutsch, im Sinn der damaligen deutschen Schauerromantik und der damals beliebten deutschen Schicksalstragödie (von der das beste Beispiel Grillparzers „Ahnfrau“ ist), ist nur der Stoff. Die Handlung ist in die abergläubige Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg und in die böhmischen Wälder verlegt, und die Romantik nahm mit Vergnügen die Möglichkeit wahr, auf drei Stunden dem Rationalismus ihrer Väter durch die Hingabe an die gruselige Handlung zu entfliehen.
Der Text ist grell, kindisch, die Figuren mit Ausnahme des sinistren Jägerburschen blaß und schwankend, aber er ist wirksam, und Goethe hatte wenigstens nicht ganz unrecht, wenn er nach dem Erfolg des Werkes sagte, „man sollte Herrn Kind“ – dem Textdichter – „auch einige Ehre erweisen“. Dennoch: das Ganze lebt nur durch Webers Musik.
„Deutsch“ wäre auch sie nicht zu nennen, wenn man sich ans Äußerliche hält. Die Kontrastierung der weiblichen Hauptfigur, der „Sentimentalen“, durch eine „Soubrette“ war eine alte dramaturgische Regel sowohl der Opéra comique wie der italienischen Opera semiseria; diese Soubrette liebt den Polonaisenrhythmus und singt... ganz im französischen Geschmack.
Agathens, der „Sentimentalen“, berühmte Szene und Arie in E („Wie nahte mir der Schlummer“) ist eine unverkennbare „Scena ed aria“ all’italiana; die Arie des Helden, Max, ist ebenso unverkennbar beeinflußt durch Méhul, den Weber mit Recht hochschätzte, und mit dessen „Joseph“ er seine Dresdner Tätigkeit eröffnet hatte.
Das Hauptstück der Oper, das Melodram der „Wolfsschlucht“, das Finale des zweiten Aktes, ist typisch französisch, ein altes Erbstück der Gewitter und Seestürme und seiner Nachfolger. Die „deutschen“ Stücke der Oper sind, nach Webers Art, penetrant deutsch: die Jägerchöre und der Bauernmarsch, der Chor der Brautjungfern, dessen Popularität einst Heinrich Heine zur Verzweiflung trieb.
Es ist die übliche Verwechslung, man möchte sagen: der übliche „Kniff“ nationalistischer Kunstgeschichte, national zu nennen, was reiner Persönlichkeitsstil ist: der Freischütz ist Webersch, und weil Webers Persönlichkeitsstil so stark ist, hat er den Ton angeschlagen für die ganze romantische deutsche Oper.
Webers Eigentümlichkeit besteht in der Schlagkraft seiner Melodik, die von seinem szenischen Scharfblick geleitet ist: Beispiel in Agathens großer Szene die Modulation vom Septimenakkord auf G zum Quartsextakkord auf Fis: „Welch schöne Nacht!“ Wir sehen mit Agathe die ganze Pracht eines sternenhellen Himmels in einer klaren Sommernacht.
Ein anderes Exempel von Webers Konzentration ist das dämonische Trinklied des Bösewichts der Oper, das, nach diesmal glaubwürdigen Berichten der Zeitgenossen, Beethoven enthusiasmiert hat.
Weber hat nicht die Zurückhaltung des sinfonisch gesinnten klassischen Musikers: nicht nur die Melodik wird bei ihm sprechender, auch die Freiheit der Modulation wird größer; und vor allem ist er einer der größten Erfinder auf dem Gebiete der Instrumentation... Es ist der ganz persönliche Weber, dem der „Freischütz“ seinen einheitlichen Grundton verdankt, durch den das Werk zu einer deutschen Volksoper im höheren Sinne geworden ist.
Alfred Einstein, Die Romantik in der Musik, Berglandverlag, Wien 1950.
Der Freischütz – Inhaltsangabe
In der Ouvertüre zu dieser Oper wird ihr innerer Gehalt, wird das Ringen von Gut und Böse in der menschlichen Seele um die Kräfte der Natur, wird der Sieg des Göttlich-Edlen im Menschenherzen und Bilde der Natur deutlich und erregend vorgezeichnet.
Aus dem Trubel eines Schützenfestes heben sich im 1. Akt zwei Gestalten heraus: der Bauer Kilian, der den Vogel abgeschossen hat, und der Jägerbursche Max, der ihm unterlegen ist und wegen seines Mißgeschicks gehänselt wird. Max ist verzweifelt; denn wenn er auch beim „Probeschuß“ am nächsten Tag versagt, kann er nicht hoffen, die geliebte Försterstochter Agathe zu erringen.
Da tritt der Versucher an ihn heran, der finstere Jäger Kaspar, der ihn mit dem derben Trinklied „Hier im ird’schen Jammertal“ aufheitert und schließlich überredet, zur Mitternacht in der Wolfsschlucht Freikugeln mit ihm zu gießen, von denen sechs unfehlbar treffen, die siebente aber vom Bösen selbst gelenkt wird.
Im Försterhaus erwartet Agathe in der friedlichen und doch erregenden Abendstimmung des 2. Aktes den Geliebten. Ihre Verwandte Ännchen sucht sie aufzumuntern. Aber ihre Sorge erhöht sich, als sie von Max erfährt, daß er noch in die Wolfsschlucht muß. Wir erleben dann den höllisch raunenden, geheimnisvoll gewittrigen Zauber der Wolfsschlucht und die beklemmende Zeremonie des Kugelgießens.
Im Vorspiel des dritten Aktes bereitet sich Agathe in Hoffen und Bangen auf die Verlobung vor. Die Brautjungfern singen ihr tanzend das Brautlied. Das jähe Erschrecken darüber, daß in der Schachtel durch Verwechslung eine Totenkrone statt des Brautkranzes sich befindet, löst sich erst, als Agathe einen Ausweg findet; die weißen Rosen, die ihr der fromme Eremit bei ihrem letzten Besuch schenkte, fügen sich wie in besonderer Bestimmung zum Brautkranz.
Dann rauscht mit dem Jägerlied das Fest des Probeschusses auf. Fürst Ottokar bestimmt als Ziel eine weiße Taube. Aber als Max schießt, sinkt Agathe um, und Kaspar ist getroffen. Max gesteht seine Schuld. Vergebens bitten die Versammelten den Fürsten um Nachsicht. Erst als der Eremit für Max spricht und von der Unsitte des Probeschusses abzulassen mahnt, läßt sich der Fürst erweichen, und Max wird nach einem Jahr der Bewährung Agathe heimführen.
Eutiner Sommerspiele 1963 – Besetzung & Produktionsdaten
DER FREISCHÜTZ
Romantische Oper in drei Akten (5 Bildern)
von Friedrich Kind
Musik von Carl Maria von Weber
Musikalische Leitung: Erwin Jamrosy
Inszenierung: Kurt Brinck
Bühnenbild: Rudolf Soyka
Chöre: Fritz Arndt
Personen und Besetzung
Ottokar, regierender Fürst — Ernst-Alexander Lorenz
Kuno, fürstlicher Erbförster — Hermann Rohrbach
Agathe, seine Tochter — Käthe Möller-Siepermann
Ännchen, eine junge Verwandte — Eva Kasper
Kaspar, 1. Jägerbursche — Peter Meven
Max, 2. Jägerbursche — Karl-Heinz Thiemann
Samiel, der schwarze Jäger — Hans-Joachim Zimmermann
Ein Eremit — Hans Sotin
Kilian, ein reicher Bauer — Hans Holm-Claussen
2 Brautjungfern — Ilse Loges, Gisela Pratt
Volk – Bauern – Jäger
Zeit der Handlung: Kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges
Ort: Böhmen
Orchester: Hamburger Symphoniker (Vereinigte Hamburger Orchester)
Chor: Chor der „Eutiner Sommerspiele“
Inspizient: Hans Basseng
Korrepetition: Laszlo Szelenyi
Beleuchtung: Walter Hasselmann
Masken: Lothar Noack / Ursula Liessmann
Hinweis zum historischen Kontext:
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Eutiner Festspiele, Juni 2025