Abschnitt 1
Als Albert Lortzing lebte und komponierte, ein Biedermeier unter den Romantikern, ein so offener, herzlicher, gemütvoller wie unpraktischer und wenig erfolgreicher Mensch, da rechnete man immer noch August von Kotzebue, den in Weimar geborenen russischen Staatsrat, den ein Student und nationaler Eiferer 1819 umgebracht hatte, zu den Größen des deutschen Theaters. Ein geschäftstüchtiger Drucker hatte auf einem Stich sein Bild mit dem Goethes und Schillers vereinigt; die Blätter hatten reißenden Absatz gefunden. Eine englische Literaturgeschichte hielt ihn für den bedeutendsten deutschen Dichter. Noch Jahrzehnte nach seinem Tode wurden seine derben Lustspiele, seine simplen Verwechslungskomödien, seine so routiniert ablaufenden Theaterstücke fleißig gespielt.
Abschnitt 2
Lortzing hatte in seiner lebenslangen Theaterlaufbahn so manches von Kotzebue gesehen, manch eine Rolle wohl auch selbst übernommen. In seiner autobiographischen Skizze schrieb er: „In Freiburg (im Breisgau), woselbst meine Eltern bei dem damaligen Direktor Schäffer engagiert waren, wagte ich den ersten öffentlichen Versuch in der Komposition und schrieb einen Chor und Tanz zum Kotzebueischen Schauspiel ‚Der Schutzgeist‘, worin ich selbst die Titelrolle spielte.“ Auch in seinen Briefen taucht der Name Kotzebue mehrfach auf, sei es, dass Lortzing von Rollen berichtet, die er gespielt hat, sei es, dass er geläufige Sentenzen des Dichters zitiert.
Abschnitt 3
Schließlich lernte er ein Lustspiel Kotzebues kennen, das „Der Rehbock“ betitelt war, und er hielt es für ein gutes Stück. Er modelte es ein wenig um, fügte einiges hinzu, fand den neuen Titel „Der Wildschütz“ und meinte: „… das Buch erachte ich für vortrefflich.“ Es war ganz einfach aus der Lust am Theater entstanden, ursprünglich vielleicht sogar nur aus der Spekulation auf das, was dem Publikum Appetit aufs Theater machte. Als Praktiker kannte Lortzing das: die nie versiegende Freude an der Verwechslung — „Wir wissen längst alles, aber die da oben auf der Bühne haben noch nichts gemerkt!“ — „Ein vortreffliches Buch“, aber eines wusste der bescheidene Lortzing wohl nicht: dass nämlich die kühle Berechnung des Effektes, die primitive Tugendsentimentalität und die nicht selten frivole Frechheit Kotzebues durch seine Musik erlöst und in ein ehrliches, fröhliches, herzliches und schließlich auch die Zeiten überdauerndes Stück Theater verwandelt würden.
Abschnitt 4
Die Verstellungskomödie ist geschickt eingefädelt. Als „schlichtes Kind vom Lande“ tändelt die Baronin zwischen Volkslied und Dittersdorfscher Schäferspiel-Heiterkeit. Als Stallmeister-Baron und Graf nacheinander dem vermeintlichen Gretchen ihre Liebe gestehen, fällt beiden die gleiche Mozart-Melodie ein. Schließlich klingt jedem die gleiche erlösende „Stimme der Natur“ ins ein wenig schlechte Gewissen. Hier zitiert witzige Musik geläufige „Vokabeln“, um Verstellung, nicht ganz echtes Gefühl, nicht ganz ihrer selbst sichere Erleichterung des Gewissens zu zeigen.
Abschnitt 5
Ganz Lortzings Eigentum aber wurde der „Wildschütz“ durch die Ensembles, in denen er so viel heitere Ironie, so viel überlegenen Spott investierte, dass er Mozart nahezukommen scheint. Durch seine scharfe Beobachtungsgabe und seinen Witz ist er ihm immer nahe gewesen. Diesmal wiesen ihn die beiden Eigenschaften auf eine zu seiner Zeit nicht nur in Leipzig grassierende Mode, die er sogleich zu parodieren trachtete. Mendelssohn hatte eine Musik zu „Antigone“ des Sophokles verfasst, und die Aufführung der Tragödie hatte eine wahre Griechenmode entfacht. Man unterhielt sich nur über Sophokles, zitierte seine Verse, dachte sich in seine Gestalten, kleidete sich im Stil der Griechen.
Abschnitt 6
Lortzing lässt nun den zweiten „Wildschütz“-Akt mit einer köstlichen Persiflage dieser Modetorheit beginnen, eine Parodie, die heute noch wirkt, weil sie „zeitlos“ allen Snobismus enthüllt. Da lauscht die Dienerschaft dem Rezitieren der Gräfin Eberbach: „Die Frau Gräfin liest vortrefflich, unnachahmlich, wunderschön. Tränen möchte man vergießen — schade, dass wir’s nicht verstehn.“
Abschnitt 7
Den Gipfel der Verwechslung und Verwirrung bildet ein anderes Ensemble, das ebenfalls ohne Vorbild ist: das „Billard-Quintett“ mit Spiel und Streit der verliebten Männer um des Baculus vermeintliche Braut, mit ihren mozartischen Geständnissen, dem mit Stentorstimme posaunten Schlummerchoral des Schulmeisters, mit dem koketten Geträller der Baronin und schließlich mit den würdigen Tönen der vom Streit geweckten Gräfin. Dazu geistvolles Spiel der Motive im Orchester.
Abschnitt 8
Wenn jemand in der Geschichte unserer Bühnenkunst die schlichte, volkstümliche Lust am Theater durch Musik legitimiert hat, dann war es Albert Lortzing, durch den sogar Kotzebue unverdient dauerhafter Nachruhm beschieden wurde.
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Eutiner Festspiele, Juni 2025