Ich genoß der sorgfältigsten Erziehung mit besonderer Vorliebe für die schönen Künste, da mein Vater selbst ausgezeichnet Violine spielte. Die eingezogene Weise, in der meine Familie lebte, der stete Umgang mit erwachsenen gebildeten Menschen, die ängstliche Vorsicht, mir keine andere verwildernde Jugendgesellschaft zuzulassen, lehrten mich früh, mehr in mir selbst und der Phantasiewelt zu leben, und in ihr meine Beschäftigung und mein Glück zu suchen. Malerei und Musik teilten sich hauptsächlich in meine Zeit. Von ersterer versuchte ich mit Glück mehrere Zweige zu pflegen, ich malte in öl, Miniatur, Pastell und wußte auch die Radiernadel zu führen. Doch unwillkürlich entschlummerte diese Beschäftigung, und die Musik verdrängte, meiner selbst unbewußt, die Schwester endlich gänzlich.
Eigentümliche Neigung bestimmte meinen Vater zuweilen, seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Der Nachteil, den das Wechseln der Lehrer hervorbrachte, ersetzte sich später desto wirksamer durch das Erwecken der eigenen Kraft und der Notwendigkeit, aus eigenem Nachdenken und Fleiße zu schöpfen. Sowie mein Vater die allmähliche Entwicklung meines Talents sah, sorgte er mit der liebevollsten Aufopferung für dessen Ausbildung. Er brachte mich nach Salzburg zu Michael Haydn. Der ernste Mann stand dem Kinde noch zu fern, ich lernte wenig bei ihm und mit großer Anstrengung. Hier ließ mein Vater zu meiner Aufmunterung 1798 mein erstes Werk, 6 Fughetten, drucken, die freundlich in der musikalischen Zeitung angezeigt wurden.
Ende 1798 kam ich nach München, erhielt Singunterricht bei Valesi und in der Komposition bei dem jetzigen Hoforganisten Kalcher. Dem klaren, stufenweise fortschreitenden, sorgfältigen Unterrichte des letzteren danke ich größtenteils die Herrschaft und Gewandheit im Gebrauch der Kunstmittel, vorzüglich in Bezug auf den reinen vierstimmigen Satz, die dem Tondichter so natürlich werden müssen, soll er rein sich und seine Ideen auch dem Hörer wiedergeben können, wie dem Dichter Rechtschreibekunst und Silbenmaß. Mit unermüdetem Fleiße arbeitete ich meine Studien aus. Die Vorliebe zum Dramatischen fing an, sich bestimmt auszusprechen. Ich schrieb unter den Augen des Lehrers eine Oper: „Die Macht der Liebe und des Weins", eine große Messe, mehrere Klaviersonaten, Variationen, Violintrios, Lieder usw., die später alle ein Raub der Flammen wurden.
Der rege jugendliche Geist, der alles Neue und Aufsehenerregende mit Hast sich anzueignen suchte, erregte auch in mir die Idee, dem damals von Senefelder neu erfundenen Steindrucke den Rang abzulaufen. Ich glaubte endlich, die Erfindung auch gemacht zu haben, und zwar mit einer zweckmäßigeren Maschine versehen. Der Wille, diese Sache ins Große zu treiben, bewog uns, nach Freiberg zu ziehen, wo alles Material am bequemsten zur Hand schien. Die Weitläufigkeit und das Mechanische, Geisttötende des Geschäfts ließen mich aber bald die Sache aufgeben und mit verdoppelter Lust die Komposition fortsetzen.
Ich schrieb die Oper: „Das Waldmädchen", welche im November 1800 auch da gegeben wurde und sich dann später weiter verbreitete als mir lieb sein konnte (in Wien vierzehnmal gegeben, in Prag ins Böhmische übersetzt und in Petersburg mit Beifall gesehen), da es ein höchst unreifes, nur vielleicht hin und wieder nicht ganz von Erfindung leeres Produkt war, von dem ich namentlich den zweiten Akt in zehn Tagen geschrieben hatte; eine der vielen unseligen Folgen der auf ein so junges Gemüt so lebhaft einwirkenden Wunderanekdoten von hochverehrten Meistern, denen man nachstrebt. Auf eben diese Art weckte ein Artikel der Musikzeitung die Idee in mir, auf ganz andere Weise zu schreiben, ältere, vergessene Instrumente wieder in Gebrauch zu bringen. usw.
In Familiengeschäften nach Salzburg gereist, schrieb ich da, meinen neuen Plänen gemäß, die Oper „Peter Schmoll und seine Nachbarn" (1801), die meinen alten, durch manches Neue darin höchlich erfreuten Lehrer, Michael Haydn, bewog, mir ein ungemein gütiges Zeugnis darüber zu erteilen. Sie wurde in Augsburg aufgeführt, ohne sonderlichen Erfolg, wie natürlich. Die Ouvertüre habe ich später umgearbeitet und stechen lassen.
1802 machte mein Vater eine musikalische Reise mit mir nach Leipzig, Hamburg, Holstein, wo ich mit dem größten Eifer theoretische Werke sammelte und studierte. Es drängte mich nach der Tonwelt Wiens, und zum ersten Male trat ich hinaus in diese Welt. Hier lernte ich nebst dem Umgänge der bedeutendsten Künstler, des unvergeßlichen Vater Haydn usw., den Abt Vogler kennen, der mit der Liebe, die jedem wirklich großen Geiste eigen ist, dem wahrhaft ernst gemeinten Streben freudig zu helfen, und mit der reinsten Hingebung den Schatz seines Wissens vor mir aufschloß.
Ein Ruf zur Musikdirektorstelle nach Breslau eröffnete mir ein neues Feld zur Erweiterung der Effektkenntnisse. Ich schuf da ein neues Orchester und Chor, überarbeitete manche frühere Arbeiten und komponierte die Oper Rübezahl von Professor Rhode größtenteils. Die vielen Dienstgeschäfte ließen mich nicht viel zu eigenen Arbeiten kommen, desto besser konnte ich aber die so vielfach gestalteten und mit übergroßer Begierde in mich gesogenen verschiedenartigen Kunstprinzipe abgären und nach und nach das Selbständige, vom Schöpfer Verliehene, hervortreten lassen.
1806 zog mich der kunsthebende Prinz Eugen von Württemberg an seinen Hof Carlsruhe in Schlesien. Hier schrieb ich zwei Symphonien, mehrere Konzerte und Harmoniestücke. Der Krieg zerstörte das niedliche Theater und die brave Kapelle. Ich trat eine Kunstreise an, von den ungünstigen Verhältnissen der damaligen Zeit begleitet. Ich entsagte also eine Zeitlang der Kunst als ihr unmittelbarer Diener und lebte im Hause des Herzogs Louis von Württemberg in Stuttgart. Hier, von der freundlichen Teilnahme des trefflichen Danzi ermuntert und angeregt, schrieb ich eine Oper: „Silvana", nach dem Sujet des früheren „Waldmädchens" von Hiemer neu bearbeitet, den „ersten Ton", Ouvertüre, umgearbeitete Singchöre, wieder Klaviersachen usw., bis ich 1810 mich wieder ganz der Kunst weihte und abermals eine Kunstreise antrat.
Von dieser Zeit an kann ich ziemlich rechnen, mit mir abgeschlossen gewesen zu sein, und alles, was die Folgezeit getan hat und tun wird, kann nur Abschleifen der scharfen Ecken und das dem feststehenden Grunde notwendige Verleihen von Klarheit und Faßlichkeit sein. Ich durchzog Deutschland nach verschiedenen Richtungen, und die Liebe, mit der ich im ganzen meine Leistungen als ausübender und dichtender Künstler aufgenommen sah, der Ernst, der ihnen bei oft heftigem Widerspruch und Anfällen doch stets geweiht wurde, ließ auch mich alle die Kraft und alle die Reinheit des festen Willens aufbieten, die allein den Menschen zum wahren Priester seiner Kunst heiligt.
In Frankfurt, München, Berlin, Wien usw. wurden meine Opern gegeben, meine Konzerte besucht. Noch einmal sah ich den trefflichen Abt Vogler, wenige Zeitspannen vor seinem Hingehen. Ich genoß, gereifter und selbst zum Sichten fähiger, noch seine tiefen Erfahrungen und schrieb eine Oper: „Abu-Hassan" (Darmstadt 18X0).
Von 1813 bis 1816 leitete ich die Oper in Prag, nachdem ich sie ganz neu organisiert hatte. Ganz nur meiner Kunst lebend, in der Überzeugung, nur zu ihrer Beförderung und Pflege geschaffen zu sein, legte ich die Direktion in Prag nieder, da mein Zweck erreicht und das, was bei dem beschränkenden Verhältnisse einer Privatdirektion geschehen konnte, aufgebaut war und nur eines rechtlichen Wärters zum Weiterbestehen bedurfte.
Frei zog ich abermals in die Welt, ruhig den Wirkungskreis erwartend, den mir das Schicksal zuführen würde. Viele und schöne Erbietungen kamen mir von allen Seiten entgegen; der Ruf zur Gründung einer deutschen Oper in Dresden konnte allein mich aufs neue festhalten. Und so bin ich denn mit Fleiß und Sorgsamkeit an dem mir übertragenen Werke — und wenn sie einmal einen Stein über meine Hülle legen, so werden sie mit Wahrheit darauf schreiben können: „Hier liegt einer, der es wahrhaft redlich und rein mit Menschen und Kunst meinte."
Einiges über Carl Maria von Weber und den »Freischütz«
Briefe Carl Maria von Webers
An seine Braut – Dresden, 19. Februar 1817
Heut Abend im Theater sprach ich Friedrich Kind, den hatte ich gestern Abend so begeistert, daß er gleich heute eine Oper für mich angefangen hat. Morgen gehe ich zu ihm, um den Plan ins Reine zu bringen. Das Sujet ist trefflich, schauerlich und interessant, der Freischütz; ich weiß nicht, ob du die alte Volkssage kennst...
An seine Braut – Dresden, 28. May 1817
Die verdammte Jägersbraut spukt mir recht im Kopfe, und wie es mir immer geht, wenn ich so eine Riesenarbeit vor mir sehe, so verliere ich anfangs allen Mut und verzweifle fast daran, es zustande zu bringen, und komme mir wie ein Ochs vor, dem nichts einfallen will. Es geht aber dann doch immer am Ende, und diese so oft bewährte Erfahrung tröstet mich. Die Oper ist wirklich trefflich geworden durch die neue Bearbeitung. Kurz, gedrängt, schöne Finale und andere Ensemble-Stücke, und nun glaube ich, daß in dieser Gattung noch keine existiert. Gott gebe seinen Segen dazu, es sind entsetzliche Aufgaben darin, und mein Kopferl wird mir oft brummen, schadet aber nichts...
An Graf Brühl, Leiter der Kgl. Schauspiele in Berlin
Mit Vergnügen zeige ich Euer Hochgebohren hiermit an, daß ich in Vollendung meiner Oper die Jägersbraut so weit vorgerückt bin, daß sie vollkommen ausgeschrieben im Februar 1820 in Hochdero Händen sein kann... Was das Einstudieren der Oper selbst betrifft, hoffe ich, wenn die Proben sich ungestört folgen können, nicht viel über 2—3 Wochen damit zuzubringen.
Franz Grillparzer – Der wilde Jäger. Romantische Oper.
(Parodie der Wolfsschlucht aus dem Jahre 1822.)
(Waldschlucht. Finsternis, daß man seine Hand nicht sehen kann. Unaufhörlicher Donner, Mißtöne aller Art. Vier Teufel mit feurigen Augen hängen als Laternen an Kulissen. Sirocco der wilde Jäger tritt unter Donner und Blitz auf; er bleckt die Zähne und brummt gräßlich.)
Uh — Uh — Uh — Uh — Uh. (Donner)
Mord, Tod, Gift, Dolch, Hölle, Teufel.
(Verstärkter Donner)
E.T.A. Hoffmann – Vorläufiger Bericht über die Aufführung, 1821
Die freudige Erwartung, die alle Freunde der Webersehen Muse — und wer wäre nicht ein Freund jener Muse, die eine Fülle der genialsten Lieder- und Instrumentalkompositionen, die die unsterblichen Kriegsgesänge „Leier und Schwert" erschaffen und die längst ihren Liebling unter die ersten und bedeutungsvollsten seiner Kunst und seiner Zeit gestellt — die freudige Erwartung, die wir alle gehegt hatten, da uns eine neue Oper des Meisters angekündigt war, ward endlich am 18. d. durch die erste Vorstellung erfüllt, die alle Hoffnungen, wie hoch sie auch gespannt waren, noch weit überflügelten.
Weber, der in seinen früheren Arbeiten noch jene Auswüchse zeigte, die das wahre Genie bei seinem ersten Durchbruch nun einmal charakterisieren, steht jetzt in seiner interessantesten Eigentümlichkeit klar und reif da, und in diesem seinem neuesten großen Werke hat er sich ein Ehrenmal gesetzt, das in der Kunstgeschichte der deutschen Oper Epoche machen dürfte.
Das Publikum erkannte den Wert der genialen Musik von Anfang bis zu Ende an, und von der Ouvertüre bis zum Schlußchor ward jedes einzelne Stück ohne Ausnahme lebhaft beklatscht und der Komponist zuletzt stürmisch gerufen. Der bescheidene Meister erschien und führte sehr zartsinnig die Damen Seidler und Eunicke hervor, mit ihnen den Jubel des Publikums teilend. Es flogen Gedichte und Kränze in verdienter Fülle, und da der Referent an keinem von beiden Teil hatte, so will er wenigstens auch sein Scherflein dem längst von ihm verehrten Komponisten durch diesen „vorläufigen Bericht" darbringen, dem bald ein ausführlicher folgen soll.
Der Freischütz – Handlung
Der Jägerbursche Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno. Doch kann er die Hand des Mädchens und damit auch das Anrecht auf die Erbförsterei nur erhalten, wenn ihm vor dem Landesfürsten ein guter Probeschuß gelingt. Seit langem jedoch ist Max vom Waidmannspech verfolgt. Auch beim Preisschießen der Dorfleute bleibt er erfolglos und muß sich dafür von dem neuen Schützenkönig, dem Bauern Kilian, und der ganzen Runde hänseln lassen. In seiner Niedergeschlagenheit verbündet er sich mit dem finsteren Kaspar, der sich durch einen Pakt dem schwarzen Jäger Samiel verschrieben hat. Kaspar überzeugt Max durch den Schuß auf einen hochfliegenden Raubvogel von der Unfehlbarkeit der „Freikugeln", die zu nächtlicher Stunde in der Wolfsschlucht unter heidnischen Beschwörungen gegossen werden müssen, und Max, dem alles am Gelingen des morgigen Probeschusses liegt, verabredet mit dem unheimlichen Gesellen ein Treffen um Mitternacht.
Daheim im Försterhaus wird Agathe von düsteren Vorahnungen bedrängt, und auch ihre Verwandte, das muntere Ännchen, vermag sie nicht aufzuheitern. Spät erst kommt Max, erregt aber mit der Ankündigung, einen Hirsch, den er in der Nähe der Wolfsschlucht erlegt habe, hereinholen zu müssen, aufs neue die ahnungsvolle Furcht Agathes. Trotz ihrer Bitten, den schrecklichen Ort zu meiden, eilt er davon. — Um Mitternacht verspricht Kaspar dem schwarzen Jäger die Seele seines Jagdgenossen, wie auch die Kunos und Agathes, wenn er ihm die ablaufende Lebensfrist um weitere drei Jahre verlängere. Max steigt in die Schlucht hinab, und auch die geisterhaften, warnenden Erscheinungen seiner Mutter und Agathes können ihn nicht abhalten, mit Kaspar den Guß der Freikugeln zu beginnen. Sechs dieser Kugeln treffen unfehlbar, die siebte wird von Samiel allein gelenkt. Unter höllischem Spuk geht der Guß vonstatten, der wilde Jäger erscheint noch einmal — da schlägt die Glocke eins und der Spuk ist vorüber.
Auch in ihrem bräutlichen Schmuck kann Agathe von ihren bösen Ahnungen nicht frei werden. Zudem findet sich in der Schachtel, die den Brautkranz enthalten soll, ein Totenkranz. Schnell flicht Ännchen einen neuen Kranz aus weißen Rosen, die Agathe von einem Eremiten erhielt. — Vor dem Fürsten Ottokar und seinem Gefolge hat Max mit den Freikugeln bereits dreimal erstaunliche Treffer erzielt. Kaspar hat die drei Kugeln, die er erhalten hatte, selbst schnell verschossen, damit nur die siebte, von Samiel gelenkte, übrigbleibe. Nun wird Max vom Fürsten zum entscheidenden Schuß aufgefordert. Als Ziel bezeichnet der Fürst ihm eine Taube. Im Augenblick des Schusses tritt Agathe zwischen den Bäumen hervor und stürzt wie leblos zu Boden. Doch die geweihten Rosen des Eremiten beschützen das Mädchen: der tödliche Schuß hat Kaspar getroffen. Seinen Leichnam befiehlt Ottokar in die Wolfsschlucht zu werfen. Max soll, nachdem er berichtet und seine Schuld bekannt hat, des Landes verwiesen werden. Da erscheint der fromme Eremit, und seinem Rat beugt sich auch der Fürst: Max wird ein Probejahr zugestanden. Besteht er die Bewährung, soll er in Gnaden wieder aufgenommen werden und Agathes Hand erhalten.
Der Freischütz – Ensemble
EUTINER SOMMERSPIELE – Oper im Schloßpark
DER FREISCHÜTZ Romantische Oper in drei Aufzügen (5 Bilder) Text: Friedrich Kind Musik: Carl Maria von Weber
Musikalische Leitung: Erwin Jamrosy Inszenierung: Ulrich Wenk Bühnenbild: Günter Villwock Kostüme: Erwin Rath Chöre: Fritz Arndt
Ottokar, böhmischer Fürst – Franz Grundheber Kuno, fürstlicher Erbförster – Hermann Rohrbach Agathe, seine Tochter – Ruth Inden Ännchen – Jutta Ihloff Kaspar (Jägerbursche) – Karl Fäth Max (Jägerbursche) – Dieter Niedung Ein Eremit – Dieter Weller Kilian, ein Bauer – Jürgen Förster Samiel – Franz Merkel
Jäger – Landleute Böhmen nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges
Hamburger Symphoniker Technische Leitung: Alwin Stroh Chor der Eutiner Sommerspiele Beleuchtung: Walter Hasselmann Masken: Rudolf Herbert Inspizient: Titus Bremser
Heinrich Heine – Aus den „Briefen aus Berlin“ für den „Rheinisch‑Westfälischen Anzeiger“, 1822.
Haben Sie noch nicht Maria von Webers „Freischütz“ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper „Das Lied der Brautjungfern“ oder den „Jungfernkranz“ gehört? Nein? Glücklicher Mann!
Wenn Sie vom Hallischen bis zum Oranienburger Tore, und vom Brandenburger nach dem Königstore, ja selbst, wenn Sie vom Unterbaum nach dem Köpenicker Tore gehen, hören Sie jetzt immer und ewig dieselbe Melodie, das Lied aller Lieder — den „Jungfernkranz“.
Wie man in den Goethischen Elegien den armen Briten von dem „Marlborough s’en va‑t‑en guerre“ durch alle Länder verfolgt sieht, so werde auch ich von morgens früh bis spät in die Nacht verfolgt durch das Lied:
„Wir winden dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide;
Wir führen dich zu Spiel und Tanz
Zu Lust und Hochzeitsfreude …“
Bin ich mit noch so guter Laune des Morgens aufgestanden, so wird doch gleich alle meine Heiterkeit fortgeärgert, wenn schon früh die Schuljugend, den „Jungfernkranz“ zwitschernd, bei meinem Fenster vorbeizieht. Es dauert keine Stunde, und die Tochter meiner Wirtin steht auf mit ihrem „Jungfernkranz“. Ich höre meinen Barbier den Jungfernkranz die Treppe herauf singen. Die kleine Wäscherin kommt mit „Lavendel, Myrt’ und Thymian“. So geht’s fort. Mein Kopf dröhnt. Ich kann’s nicht aushalten, eile aus dem Hause und werfe mich mit meinem Ärger in eine Droschke. Gut, daß ich durch das Rädergerassel nicht singen höre.
Bei … steige ich ab. „Ist’s Fräulein zu sprechen?“ Der Diener läuft. „Ja.“ Die Türe fliegt auf. Die Holde sitzt am Pianoforte und empfängt mich mit einem süßen:
„Wo bleibt der schmucke Freiersmann?
Ich kann ihn kaum erwarten.“
„Sie singen wie ein Engel!“ ruf ich in krampfhafter Fröhlichkeit. „Ich will noch mal von vorne anfangen“, lispelt die Gütige, und sie windet wieder ihren „Jungfernkranz“, und windet, und windet, bis ich selbst vor unsäglichen Qualen wie ein Wurm mich winde, bis ich vor Seelenangst ausrufe: „Hilf, Samiel!“