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Der Freischütz

Das Wunder des Freischütz

Der Freischütz — welche einzige Welt steigt mit dem Klange dieses Namens den Deutschen, ohne Unterschied der Bildung und der Weltanschauung, empor! Fast ist der Name des Werks hier wichtiger geworden als der Schöpfername, fast ist das Werk anonym wie sonst nur echte Schöpfung des Volks.

Der Freischütz – Das Wunder des Freischütz

Das Wunder des Freischütz – Richard Benz

Der Freischütz – welche einzige Welt steigt mit dem Klange dieses Namens den Deutschen, ohne Unterschied der Bildung und der Weltanschauung, empor! Fast ist der Name des Werks hier wichtiger geworden als der Schöpfername, fast ist das Werk anonym wie sonst nur echte Schöpfung des Volks. Der Begriff Mozart ist mit der Zauberflöte nicht erschöpft, so wenig wie Bach mit der Matthäuspassion, wie Beethoven mit der Neunten Symphonie; aber bei Weber ist das eine Werk der Inbegriff geworden, nicht nur fürs „Volk“, und nicht nur, weil seine anderen Opern auf der Bühne sich nicht behaupteten.
Selten ist es, seltener in der Musik als in der Dichtung, daß der Name eines großen Schöpfers an ein Werk gebunden ist, in einem Werke fortlebt und den Begriff von ihm für alle Zeiten darin festlegt und begründet. Noch seltener aber ist es, daß ein Werk der Musik ins Leben eingreift und nicht einer engeren Kunstgemeinschaft, sondern einem ganzen Volk sein innerstes Wesen plötzlich neu gestaltet ans Licht stellt, einer Nation ihr Nationalbewußtsein aus einer höheren Sphäre bestätigt, in einer einzelnen Kunst erst beinahe neu erschafft.

Weber lebt nicht, wie die anderen großen Meister, im zeitlosen Geisterreich der deutschen Musik. Was in Sonate, Quartett und Symphonie in unerschöpflichen Seelenklängen an uns vorüberzieht, es trägt nicht seine Welt an uns heran, wie Mozarts, Beethovens, Schuberts, Haydns unverwechselbare Welten. So sehr er als Virtuos in seinen früheren Konzerten die Menschen hinriß – von seiner absoluten Musik ist wenig uns ganz nahe geblieben. Er, der mit vierzig Jahren schon schied, ist noch mit sechsundzwanzig Jahren seiner Sendung nicht gewiß gewesen. Noch im Jahre 1812 kann er in sein Tagebuch schreiben: „Sollte ich mein ganzes Leben hindurch all mein Streben, all meinen Fleiß, all meine glühende Liebe einer Kunst geopfert haben, zu welcher Gott nicht den echten Beruf in meine Seele gelegt hätte? – Kann ich nicht eine eigene hohe Stufe erklimmen, möchte ich lieber gar nicht leben oder als Klavierprofessionist mein Brot mit Lektionen zusammenbetteln.“

Die „hohe eigene Stufe“ – im Freischütz ist sie erreicht. Zehn Jahre nach jenem Tagebuchwort ist er Deutschlands gefeiertster Mann. Weber erreicht seine „Stufe“, findet sein Höchstes beinahe außerhalb der gleichzeitig kulminierenden deutschen Musik – er ist nicht Träger ihrer reinen Innenkunst, ihrer aus Traum aufsteigenden überirdischen Bildwelt; und steht doch im Raume dieser absoluten Musik; er löst, was sie innerlich schaut, für Erdenmenschen in sichtbare Gestalt, in Bühnenereignis.

Es gibt kein tieferes Urteil über ihn und keins, das die Geschiedenheit und Berührung zweier Welten deutlicher zum Ausdruck bringt, als das Beethovens, der ihn liebte und doch von ihm sagte: „Wenn ich’s lese – wie bei der wilden Jagd – so muß ich lachen – und es wird doch das Rechte sein.“ Und auf sein taubes Ohr deutend fügt er hinzu: „so was muß man hören, nur hören – –“. Er hätte noch hinzufügen können: man muß es auch sehen; denn das Gestaltwerden der musikalischen Innenwelt erschöpft sich nicht im sinnlicheren Klang, in sinnlicher Klangfarbe der Musik, der Hören unentbehrlich ist – es wird auch erst Ereignis auf lebendiger Bühne, unter seiner lebendigen Hand.

Und da sehen wir im Geist den jungen Richard Wagner vor Weber stehen, da dieser die erste Dresdner Freischütz-Aufführung leitet, und erinnern uns, daß er damals, halb ein Kind noch (1822), in die Worte ausbricht: „Nicht König und nicht Kaiser; aber so dastehen und dirigieren!“ Hier drängt ein anderer Wille, als er Schubert und Bach und Beethoven beseelte, nach Schaubarkeit, Hörbarkeit, Sichtbarkeit, Verwirklichung; – aber nur in Webers Gestalt, im einzigen Augenblick des Freischütz, sind diese verschiedengearteten Kräfte im Gleichgewicht, ist eine unerhörte und volkstümliche Summierung des Verschiedenartigsten geglückt: ist die unsichtbare Traumseele der Musik vollkommen in lebendige deutsche Bühnenwirklichkeit eingegangen.