Immer wieder bin ich bei den ersten Takten schon im Banne des genialen Dramatikers. Es müssen doch wohl stärkste Qualitäten sein, die sich so wenig abnutzen. Humperdinck sagte mir einmal: „Wenn Bizet noch lebte – das wäre der Meister, bei dem ich noch Studien treiben möchte.“ Auf meine Frage „Warum gerade Bizet?“ erwiderte er: „Weil ich keinen Komponisten kenne, bei dem Form und Inhalt in schönerem Gleichgewicht zueinander stehen.“
Informationen
Komponist: Georges Bizet
Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Literarische Vorlage: Prosper Mérimée, Novelle Carmen (1845)
Uraufführung: 3. März 1875
Ort: Opéra-Comique, Paris
Sprache: Französisch
Gattung: Opéra comique (mit gesprochenen Dialogen)
Schauplatz: Sevilla und Umgebung
Zeit: ca. 1820er Jahre
Oper in vier Akten
1. Akt:
Vor der Wache sehen die Soldaten gelangweilt dem Treiben der Menge zu. Vergebens sucht Micaela unter ihnen den Sergeanten José, um ihm eine Botschaft von der Mutter zu überbringen. Sie zieht es vor, wiederzukommen, wenn er mit der neuen Wache Dienst tun wird. Die Arbeiterinnen der nahen Zigarettenfabrik verbringen ihre Pause auf dem Platz vor der Wache, umringt von jungen Männern. Die meisten Verehrer hat die schöne Zigeunerin Carmen, aber nur einer reizt sie heute: Don José, der sie nicht beachtet. Und doch gelingt es Carmen, seine Aufmerksamkeit mit einer hingeworfenen Blume auf sich zu lenken. In der Fabrik entsteht unter den Arbeiterinnen eine Messerstecherei. Carmen ist die Übeltäterin und José soll sie abführen. Sie betört ihn mit Liebesversprechungen und er verhilft ihr zur Flucht. Dafür wird er degradiert und festgesetzt.
2. Akt:
Unter dem Jubel der Menge zieht Escamillo zum Stierkampf in die Arena. Carmen, deren Liebhaber er jetzt ist, will ihm folgen. Da vertritt ihr José den Weg. Während sich in der Arena der Stierkampf abspielt, bittet José Carmen ein letztes Mal, ihm zu folgen. Aber sie bleibt sich selbst treu und schleudert ihm verächtlich den Ring, sein Liebespfand, vor die Füße. José ersticht die Geliebte.
Carmen – Ensemble
Eutiner Sommerspiele
Oper im Schlosspark
Musikalische Leitung: Erwin Jamrosy
Inszenierung: Kurt Brinck
Bühnenbild: Heinz Hansen
Chöre: Fritz Arndt
Einstudierung der Kinderchöre: E. Schäfer
Technische Leitung: Alwin Stroh
Beleuchtung: Walter Hasselmann
Kostüme: Erwin Rath
Masken: Rudolf Herbert
Regieassistenz und Inspizienz: Werner Hartkopf
Carmen
Oper in vier Akten
Dichtung nach einer Novelle von Prosper Mérimée
von Henry Meilhac und Ludovic Halévy
Musik von Georges Bizet
Personen:
Don José, Sergeant – Carlos Barrena
Escamillo, Stierfechter – Franz Grundheber
Remendado – Jürgen Förster
Dancairo – Wilm Weyel
Zuniga, Leutnant – Rainer Scholze
Morales, Sergeant – Jörn Wilsing
Carmen, ein Zigeunermädchen – Maria Hall
Micaëla, ein Bauernmädchen – Mary Lou Sullivan
Frasquita – Louise Odermatt
Mercedes – Dory Reinhard
Soldaten, Stierfechter, Zigarettenarbeiterinnen, Straßenjungen, Zigeuner, Zigeunerinnen, Volk
Ort der Handlung: In und um Sevilla
Hamburger Symphoniker, Chor der Eutiner Sommerspiele
Die Dekorationen wurden in den Werkstätten der Bühnen der Hansestadt Lübeck gefertigt.
Beginn: 19.30 Uhr – Pause nach dem 2. Bild – Ende: 22.45 Uhr
von Leo Blech
Welche unverwelklichen Reize in dieser Partitur enthalten sind, entnehme ich der an mir selbst beobachteten Tatsache, dass rund 400 Aufführungen, die ich von Carmen leitete, nicht imstande waren, mir die nötige Reproduktionsfrische zu rauben. Immer wieder bin ich bei den ersten Takten schon im Banne des genialen Dramatikers. Es müssen doch wohl stärkste Qualitäten sein, die sich so wenig abnutzen.
Humperdinck sagte mir einmal: „Wenn Bizet noch lebte – das wäre der Meister, bei dem ich noch Studien treiben möchte.“ Auf meine Frage „Warum gerade Bizet?“ erwiderte er: „Weil ich keinen Komponisten kenne, bei dem Form und Inhalt in schönerem Gleichgewicht zueinander stehen.“
Zu welchem von beiden gehört nun die instrumentale Einkleidung, die orchestrale Farbe dieser Partitur? Zur Form gewiss nicht. Also zum Inhalt. Und hier fällt mir gleich etwas auf, was nur Meisterwerke an sich beobachten lassen: Die Instrumentation, etwas scheinbar Äußerliches, ist ganz im Inhalt, im Innerlichsten, aufgegangen. Was sonst so oft ganz nahe liegt – die Instrumentierung als koloristischer Selbstzweck – ist ganz und gar dem edleren und höheren Ziele gewichen, aus dem Orchester einen dramatischen Faktor zu machen. Es ist das Problem restlos gelöst: in höchstem Maße farbig, reizvoll und orchestral dramatisch in strenger Verfolgung des inneren Sinnes der Szene zu sein.
Dafür ein Beispiel: Im Orchester der Carmen sind zwei Trompeten und drei Posaunen vorgesehen, die der Komponist ganz bescheiden zur Schluss-Szene auf die Bühne schickt. Und so spielt das Orchester den dramatischen (nicht den musikalischen) Höhepunkt des Werkes ohne diese Instrumentengruppe. Welch eine Aufgabe! Und das Merkwürdige: Es muss so, es darf gar nicht anders sein. Auf der Bühne, hinter der Szene: Glanz, Jubel, Festesfreude, Licht, Leben und Ausbrüche tobender Begeisterung (angewendete Mittel: Chor, zwei Trompeten, drei Posaunen). Und vor diesem Hintergrund von Helligkeit das katastrophal dem Ende zurollende Drama, mit einem Orchester, das eben durch das Fehlen von Trompeten und Posaunen glanzlos, stumpf, brutal, abgerissen, drohend klingt – Eindruck: das Raubtier vor dem Sprung.
Das nun entstandene orchestrale Gleichgewicht ist so vollkommen, so ganz und gar vollendet, dass – wenn man mir die Aufgabe stellte, die „fehlenden“ Blechbläser im Orchester zu ergänzen – ich es nicht könnte, an keiner Stelle, in keinem Takt. Und ich glaube, in orchestralen Dingen ganz bewandert zu sein. So groß ist die Tugend, zu der hier die Not gemacht wurde.
Was könnte man nicht noch alles an der Instrumentation dieser Partitur bewundern: die entzückenden tiefen Flöten im ersten Chor; der näherkommende und sich entfernende Straßenjungenmarsch (die abebbenden und sich verlierenden Schlüsse der einzelnen Nummern sind ein ganzes Kapitel für sich); das mitgehende ppp-Harfen-fis in der Seguidilla; der wundervoll schwebende Klang des Zigarettenchores; die brutale Eleganz des federnden Toreroliedes; das ganz körperlose Quintett; die schwüle Erotik der Blumenarie, wundervoll gehoben durch die zwei Akte lang aufgesparte, dunkel klagende Farbe der Altoboe; die Todesahnung der Carmen im Kartenterzett, wo die Klarinette eine Linie der Posaune ganz „richtig“ fortsetzt. Alles stimmt, alles ist im Gleichgewicht.